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Gebärden

Handzeichen zum gesprochenen Wort. Welche Systeme es gibt, wie sie sich unterscheiden und mit welchen Gebärden man anfängt.

Gebärden sind die naheliegendste Form der Unterstützten Kommunikation: Sie brauchen kein Material, sind immer dabei und funktionieren, sobald zwei Menschen einander ansehen. Ein Zeichen für „mehr“, für „fertig“, für „trinken“ kann eine Situation entschärfen, in der ein Kind sonst nur weinen könnte.

Der entscheidende Unterschied zu dem, was viele erwarten: In der Unterstützten Kommunikation wird nicht statt gesprochen, sondern dazu. Die Bezugsperson sagt den ganzen Satz und zeigt dabei die Gebärde für das wichtigste Wort. Das gesprochene Wort bleibt also erhalten, es bekommt nur eine sichtbare Begleitung.

Warum Gebärden funktionieren

Drei Eigenschaften machen den Unterschied zum gesprochenen Wort:

  • Sie bleiben stehen. Ein Laut ist vorbei, sobald er gesprochen ist. Eine Gebärde kann man halten, wiederholen und langsamer zeigen.
  • Sie sind oft bildhaft. Das Zeichen für „trinken“ führt eine gedachte Tasse zum Mund, das Zeichen für „Haus“ zeichnet ein Dach in die Luft. Diese Motiviertheit macht viele Gebärden auch ohne Erklärung nachvollziehbar.
  • Sie verlangsamen die Sprecherin. Wer gebärdet, spricht automatisch ruhiger, betonter und in kürzeren Sätzen. Dieser Nebeneffekt hilft dem Kind oft mehr als die Gebärde selbst.

Dazu kommt der motorische Zugang: Eine Handbewegung lässt sich anbahnen und mit Handführung unterstützen. Bei der Zungen- und Kehlkopfmotorik geht das nicht.

Die Systeme im Überblick

Im deutschsprachigen Raum haben sich mehrere Sammlungen etabliert. Sie greifen alle auf die Deutsche Gebärdensprache zurück, unterscheiden sich aber in Auswahl, Aufbereitung und Zielgruppe.

System Herkunft Zugeschnitten auf Besonderheit
GuK Etta Wilken Kinder mit Trisomie 21 und Sprachentwicklungsverzögerung Gebärden konsequent mit Bildkarten gekoppelt
Schau doch meine Hände an Bundesvereinigung Lebenshilfe Kinder und Erwachsene mit geistiger Behinderung großer, alltagsnaher Grundwortschatz
Makaton Großbritannien international, in Deutschland historisch Wort, Gebärde und Symbol als festes Dreiergespann
DGS Gehörlosengemeinschaft gehörlose und schwerhörige Menschen eigenständige Sprache mit eigener Grammatik
Babyzeichen aus dem US-Raum hörende Kleinkinder ohne Behinderung Angebot für die Zeit vor dem ersten Wort

Die praktische Konsequenz aus dieser Vielfalt: Entscheidend ist weniger, welches System Sie wählen, als dass alle Bezugspersonen dasselbe wählen. Ein Kind, das im Kindergarten eine andere Gebärde für „essen“ sieht als zu Hause, lernt zwei Zeichen statt eines - und lernt vor allem, dass Zeichen unzuverlässig sind.

Wie viele Gebärden es braucht

Weniger, als die meisten denken. Ein funktionsfähiger Einstieg besteht aus zwanzig bis dreißig Wörtern, die im Alltag ständig vorkommen: essen, trinken, mehr, fertig, schlafen, spielen, helfen, weh, ja, nein, Mama, Papa. Diese Wörter tragen einen erstaunlich großen Teil der täglichen Verständigung. Die Liste steht auf der Seite Erste Gebärden für den Alltag.

Erst wenn diese Basis sitzt und aus eigenem Antrieb verwendet wird, lohnt sich Erweiterung. Der Fehler an der anderen Stelle ist häufiger: hundert Gebärden gelernt, keine davon täglich benutzt.

Gebärden und Symbole zusammen

Gebärden haben eine Schwäche: Sie sind nur für Menschen lesbar, die sie kennen. Der Bäcker, die Nachbarin, das andere Kind auf dem Spielplatz verstehen sie nicht. Genau deshalb koppeln fast alle Ansätze Gebärden mit Symbolen - Bildzeichen sind auch für Fremde deutbar und lassen sich auf Karten und Tafeln mitnehmen.

Makaton hat dieses Prinzip am deutlichsten ausformuliert: Jedes Wort des Kernvokabulars existiert gleichzeitig als gesprochenes Wort, als Gebärde und als Symbol. Auch GuK arbeitet mit dieser Doppelung. Wer beides parallel aufbaut, gibt der Person zwei Wege statt einem.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Muss ich erst Gebärdensprache lernen?
Nein. Für gebärdenunterstützte Kommunikation reicht ein Grundwortschatz von wenigen Dutzend Zeichen, den Sie sich Wort für Wort aneignen. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik - sie zu lernen ist eine andere und deutlich größere Aufgabe.
Was, wenn ich eine Gebärde falsch mache?
Weniger schlimm als gar keine Gebärde. Wichtiger als die exakte Handform ist, dass alle Bezugspersonen dasselbe Zeichen für dasselbe Wort benutzen. Einigen Sie sich in der Familie und in der Einrichtung auf eine gemeinsame Quelle, damit nicht jeder eine eigene Variante lernt.
Ab welchem Alter kann man mit Gebärden anfangen?
Sobald ein Kind Blickkontakt aufnimmt und Handlungen mitverfolgt, meist im Verlauf des ersten Lebensjahres. Kinder verstehen Gebärden früher, als sie sie selbst zeigen können - genau wie beim gesprochenen Wort.

Zuletzt überarbeitet am 14. August 2026.