Erste Schritte im Alltag
Ein konkreter Plan für die ersten acht Wochen - wenige Wörter, wenige Situationen, alle Bezugspersonen.
Der schwierigste Teil der Unterstützten Kommunikation ist nicht die Methode. Es ist der Anfang - weil er sich falsch anfühlt. Man zeigt wochenlang auf Symbole, ohne dass etwas zurückkommt, und fragt sich, ob das sinnvoll ist.
Diese Seite ist ein konkreter Plan für die ersten acht Wochen. Er ersetzt keine Beratung, aber er gibt Ihnen etwas, mit dem Sie morgen anfangen können.
Woche 1 und 2: auswählen und vorbereiten
Fünf bis zehn Wörter festlegen. Nicht mehr. Kriterium ist nicht, was ein Kind lernen sollte, sondern was mehrfach täglich vorkommt und etwas bewirkt:
mehr · fertig · nochmal · nein · ja · essen · trinken · raus · helfen · weh
Auffällig an dieser Liste: kaum Gegenstände. Das ist Absicht. Wörter, die eine Handlung auslösen, sind für den Einstieg wertvoller als Namen von Dingen. Die ausführliche Begründung steht unter Kernvokabular.
Zwei bis drei Situationen festlegen. Feste, täglich wiederkehrende Momente: Essen, Anziehen, Zubettgehen, Spielzeit. Nicht der ganze Tag - drei Situationen, die verlässlich stattfinden.
Material herrichten. Bei Gebärden: eine gemeinsame Quelle für alle Bezugspersonen, damit alle dieselben Zeichen benutzen. Bei Symbolen: eine kleine laminierte Tafel, mehrfach gedruckt, in jedem relevanten Raum aufgehängt.
Selbst üben. Die zehn Wörter müssen bei Ihnen sitzen, bevor es losgeht. Wer beim Zeigen sucht, bricht die Situation ab.
Woche 3 bis 8: benutzen, nicht abfragen
Jetzt gilt nur eine Regel: Sie benutzen das System, die Person muss nichts tun.
In jeder der festgelegten Situationen zeigen oder gebärden Sie das Schlüsselwort, während Sie ganz normal sprechen. „Willst du noch mehr?“ - und dabei das Symbol antippen. Dann warten Sie fünf bis zehn Sekunden. Dann machen Sie weiter.
Sie fragen nicht ab. Sie verlangen nichts. Sie korrigieren nicht. Diese Technik heißt Modelling und ist der Schritt, der am häufigsten übersprungen wird - meistens aus Ungeduld.
Was Sie zusätzlich tun können:
- Gelegenheiten schaffen. Den Becher in Sichtweite, aber außer Reichweite stellen. Das Lieblingsspiel geschlossen hinlegen. Kleine Portionen geben, damit „mehr“ gebraucht wird. Nicht frustrieren, sondern Anlässe erzeugen.
- Reaktionen ernst nehmen. Ein Blick zum Symbol, ein Laut, ein grober Griff in die Richtung: Das ist die Antwort. Reagieren Sie darauf, als wäre es ein vollständiger Satz.
- Aufschreiben. Einmal pro Woche notieren, was Sie beobachtet haben. Fortschritte in diesem Feld sind so langsam, dass man sie ohne Aufzeichnung nicht bemerkt.
Nach acht Wochen: auswerten
Fragen Sie nicht „Klappt es?“, sondern:
- Benutzen alle Bezugspersonen das System oder nur eine?
- Ist das Material in den drei Situationen tatsächlich greifbar?
- Wie oft am Tag modelliere ich - realistisch geschätzt?
- Zeigt die Person irgendeine Veränderung? Mehr Blickkontakt, längere Aufmerksamkeit, ein Griff in Richtung Tafel?
In den meisten Fällen, in denen nichts passiert, liegt es an einer dieser vier Stellen - nicht am Kind und nicht am System. Bevor Sie die Methode wechseln, prüfen Sie diese vier Punkte.
Die fünf häufigsten Startfehler
- Zu viele Wörter. Fünfzig Symbole am ersten Tag überfordern vor allem die Erwachsenen.
- Nur Nomen. Eine Tafel voller Gegenstände erlaubt Benennen, aber kein Bitten und kein Ablehnen.
- Abfragen statt Vormachen. „Zeig mir das Symbol für Ball“ ist ein Test, keine Unterhaltung.
- Nur eine Person macht mit. Kommunikation braucht mehr als einen Gesprächspartner.
- Zu früh aufgeben. Acht Wochen sind im Spracherwerb kein Zeitraum, sondern ein Anlauf.
Wann Sie sich Unterstützung holen sollten
Sofort, wenn Sie können. Eine Beratungsstelle spart Ihnen Monate, weil sie sieht, was in Ihrer konkreten Situation hakt. Warten Sie damit nicht, bis Sie „es allein versucht haben“ - der Einstieg gelingt mit Begleitung deutlich schneller.
Fragen und Antworten
- Muss ich auf die Diagnostik warten?
- Nein. Kommunikationsangebote schaden niemandem und setzen keine Diagnose voraus. Wer wartet, verliert Zeit, in der ein Kind Sprache erwerben könnte. Für die Beantragung eines elektronischen Hilfsmittels braucht es später eine ärztliche Verordnung - für Gebärden und Bildkarten braucht es gar nichts.
- Womit fange ich an, mit Gebärden oder mit Symbolen?
- Mit dem, was schneller im Alltag ankommt. Gebärden brauchen kein Material und sind sofort einsetzbar, setzen aber Handmotorik voraus. Symbole funktionieren unabhängig von der Motorik, brauchen aber Material, das erreichbar ist. Viele Familien beginnen mit beidem parallel und beobachten, was das Kind aufgreift.
- Was mache ich, wenn die Einrichtung nicht mitzieht?
- Klein anfangen und sichtbar machen. Bringen Sie eine laminierte Übersicht der zehn Wörter mit, die zu Hause gelten, und bitten Sie darum, dass sie an der Garderobe hängt. Fast alle Einrichtungen steigen ein, wenn der Aufwand überschaubar ist und ein Ansprechpartner da ist. Bei anhaltender Ablehnung hilft die Beratungsstelle mit einer fachlichen Einschätzung.
Weiterlesen
- Modelling
Die wichtigste Technik der Unterstützten Kommunikation - und die am häufigsten übersprungene.
- Erste Gebärden im Alltag
Zwanzig Wörter, mit denen der Einstieg fast immer gelingt - und die Begründung, warum gerade diese.
- Beratung und Anlaufstellen
Wer im deutschsprachigen Raum berät, was eine UK-Beratungsstelle leistet und in welcher Reihenfolge man vorgeht.
Zuletzt überarbeitet am 14. August 2026.