PECS - Kommunikation durch Bildkartentausch
Sechs Phasen, ein Prinzip - die Bildkarte wird übergeben, nicht gezeigt. Stärken, Aufbau und Grenzen.
PECS - Picture Exchange Communication System - wurde in den USA von Andrew Bondy und Lori Frost entwickelt, ursprünglich für Kinder im Autismus-Spektrum, die von sich aus kaum Kontakt aufnahmen. Das Programm unterscheidet sich von anderen Symbolansätzen an einem entscheidenden Punkt.
Der Tausch als Kern
Bei den meisten Symbolsystemen zeigt die Person auf ein Bild. Bei PECS übergibt sie eine Karte an ein Gegenüber und bekommt dafür, was darauf abgebildet ist.
Der Unterschied klingt klein und ist methodisch groß. Zeigen setzt voraus, dass jemand hinsieht - die Person ist also darauf angewiesen, dass ihr Gegenüber gerade aufmerksam ist. Wer eine Karte in die Hand legt, stellt den Kontakt selbst her, notfalls indem er den anderen dafür sucht.
Genau dieser Punkt ist bei Menschen, die von sich aus wenig kommunizieren, der schwierigste - und das Programm setzt ihn an den Anfang statt ans Ende.
Die sechs Phasen
- Der physische Tausch. Die Person lernt, eine Karte zu nehmen und in die geöffnete Hand des Gegenübers zu legen. Zwei Personen helfen: eine reicht den Gegenstand, eine unterstützt körperlich von hinten - ohne zu sprechen, damit keine Abhängigkeit von Aufforderungen entsteht.
- Entfernung und Beharrlichkeit. Karte und Gesprächspartner rücken weiter weg. Die Person lernt, die Karte zu holen und jemanden aktiv aufzusuchen.
- Unterscheiden. Mehrere Karten stehen zur Wahl. Die Person lernt, gezielt die richtige auszuwählen.
- Satzstruktur. Ein Satzstreifen kommt hinzu: „Ich möchte“ plus Gegenstandskarte. Der ganze Streifen wird übergeben.
- Antworten auf Fragen. Auf „Was möchtest du?“ antwortet die Person mit dem Satzstreifen.
- Kommentieren. Der Schritt vom Anfordern zum Mitteilen: „Ich sehe …“, „Ich höre …“. Diese Phase ist die anspruchsvollste und wird am häufigsten nicht erreicht.
Was PECS gut kann
Initiative aufbauen. Der methodisch stärkste Punkt. Wer nie von sich aus kommuniziert hat, lernt hier genau das - und zwar bevor er Wortschatz lernt.
Klare Struktur. Die Phasen sind präzise beschrieben, mit Kriterien für den Übergang. Das gibt Fachkräften und Angehörigen einen belastbaren Rahmen.
Sofortige Wirkung. Die Karte führt unmittelbar zum Gegenstand. Der Zusammenhang zwischen Handlung und Ergebnis ist für die Person direkt erfahrbar.
Untersuchungslage. PECS gehört zu den vergleichsweise gut untersuchten Verfahren im Feld, insbesondere hinsichtlich des Aufbaus von Initiative.
Wo die Grenzen liegen
Der Wortschatz bleibt eng. Was sich tauschen lässt, sind vor allem Dinge. Wörter wie mehr, nochmal, nicht, weg, helfen - das Kernvokabular - kommen im Aufbau spät und oft gar nicht vor. Wer bei Phase drei oder vier stehen bleibt, hat ein System zum Bestellen, nicht zum Sprechen.
Es braucht Material und zwei Hände. Der Tausch setzt voraus, dass die Person eine Karte greifen und übergeben kann. Bei stark eingeschränkter Motorik ist das keine Option.
Der Aufwand ist hoch. Die frühen Phasen verlangen zwei anleitende Personen und konsequente Durchführung. Halbherzig umgesetzt verliert das Programm seinen Vorteil.
Es ist kein vollständiges System. PECS ist ein Einstiegsprogramm. Die Frage, wohin es führt - in ein breiteres Symbolsystem, auf eine Kommunikationstafel, an einen Talker -, sollte von Anfang an mitgedacht werden.
Die praktische Empfehlung
PECS ist stark, wenn die Ausgangslage lautet: Diese Person kommuniziert von sich aus nicht. Dann löst es genau dieses Problem, und zwar besser als die meisten Alternativen.
Sobald Initiative da ist, sollte der Blick über das Programm hinausgehen. Der übliche und sinnvolle Weg führt zu einer Kommunikationstafel mit Kernvokabular oder zu einem Talker - mit denselben Symbolen, damit kein Bruch entsteht.
Fragen und Antworten
- Warum wird die Karte übergeben statt nur darauf gezeigt?
- Weil der Tausch eine vollständige kommunikative Handlung ist. Zeigen setzt voraus, dass jemand hinsieht - die Person ist also darauf angewiesen, dass ein Gegenüber gerade aufmerksam ist. Wer eine Karte in die Hand legt, stellt den Kontakt selbst her. Genau dieser Initiativaufbau ist der Kern des Programms.
- Ist PECS nur für Kinder mit Autismus?
- Entwickelt wurde es dafür, eingesetzt wird es breiter - überall dort, wo jemand kaum von sich aus kommuniziert. Der methodische Vorteil liegt nicht in der Diagnose, sondern in der Ausgangslage geringer Eigeninitiative.
- Bleibt man bei PECS stehen?
- Nicht zwangsläufig, aber es passiert häufig. Wenn die Phasen nicht konsequent weitergeführt werden, bleibt es beim Anfordern von Gegenständen. Viele Fachkräfte kombinieren PECS deshalb früh mit einem breiteren Symbolsystem oder führen es in einen Talker über.
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Zuletzt überarbeitet am 14. August 2026.