Methoden

Kernvokabular

Wenige Wörter machen den Großteil aller Äußerungen aus - warum das für Tafeln und Talker alles verändert.

Wenn man aufzeichnet, was Menschen tatsächlich sagen, und die Wörter nach Häufigkeit sortiert, entsteht ein sehr schiefes Bild. Eine kleine Gruppe von Wörtern taucht ununterbrochen auf. Der gesamte Rest - Zehntausende Wörter - kommt jeweils selten vor.

Diese kleine Gruppe heißt Kernvokabular. Sie besteht fast ausschließlich aus Wörtern, die man nicht zeichnen kann:

ich · du · das · nicht · mehr · machen · gehen · haben · wollen · nochmal · fertig · weg · auch · hier · da · groß · gut · was · wer · wo

Der große Rest heißt Randvokabular und besteht überwiegend aus Gegenstandsbezeichnungen: Bagger, Zahnbürste, Giraffe, Zwiebel. Diese Wörter sind für den einzelnen Moment wichtig und über den Tag gerechnet selten.

Warum das die zentrale Einsicht ist

Weil praktisch jede selbst gebaute Kommunikationstafel genau umgekehrt aufgebaut ist.

Wer eine Tafel für ein Kind erstellt, füllt sie mit dem, was das Kind mag: Ball, Auto, Bagger, Schokolade, Hund. Das Ergebnis ist eine Tafel, mit der das Kind benennen kann - und sonst nichts. Es kann nicht sagen, dass es noch mehr will, dass es aufhören möchte, dass etwas kaputt ist, dass jemand helfen soll oder dass es das nicht mag.

Mit Kernvokabular sieht dasselbe Kind anders aus. Mit den zwei Feldern mehr und nochmal steuert es ein Spiel. Mit nicht und weg lehnt es ab. Mit ich und du verteilt es Rollen. Diese Wörter funktionieren in jeder Situation neu, ohne dass die Tafel getauscht werden muss.

Der Aufbau in der Praxis

Kernvokabular bekommt den festen Platz. Meist ein zusammenhängender Bereich, der auf allen Tafeln, Seiten und Geräteoberflächen identisch bleibt - Position, Farbe, Reihenfolge. Über Wochen wird der Griff dorthin automatisch, und dieser Automatismus ist der entscheidende Geschwindigkeitsgewinn.

Randvokabular kommt in den wechselnden Bereich. Nach Situation, Thema oder aktuellem Interesse. Hier darf und soll getauscht werden.

Die Größenordnung. Für den Einstieg genügen zwölf bis zwanzig Kernwörter. Ein ausgebautes System für Erwachsene arbeitet mit mehreren hundert - und deckt damit den weitaus größten Teil des Sprechens ab.

Warum es sich am Anfang falsch anfühlt

Kernvokabular-Systeme wirken zunächst enttäuschend. Die Symbole sind abstrakt, das Kind zeigt nicht sofort auf sie, und der Nutzen ist nicht sichtbar. Eine Tafel voller Lieblingsgegenstände liefert schnellere Erfolgserlebnisse - das Kind zeigt auf den Bagger, alle freuen sich.

Der Unterschied zeigt sich nach Monaten. Das Kind mit der Nomen-Tafel kann nach einem Jahr mehr Dinge benennen. Das Kind mit dem Kernvokabular kann Situationen steuern, ablehnen, wiederholen lassen und kommentieren - und kombiniert irgendwann zwei Wörter zu etwas, das vorher nicht auf der Tafel stand.

Genau dieses Kombinieren ist der Punkt. Randvokabular erlaubt nur, was jemand vorher hineingelegt hat. Kernvokabular erlaubt Sätze, die niemand vorgesehen hat.

Der Bezug zu den Programmen

Der Gedanke ist nicht neu. Makaton hat sein Kernvokabular von rund 450 Wörtern nach genau diesem Prinzip aufgebaut - nach Nutzen sortiert statt nach Thema. Moderne Talker-Oberflächen setzen dieselbe Logik konsequenter um, weil sie über mehrere Ebenen hinweg dieselbe Kernanordnung durchhalten können.

Für die Praxis heißt das: Wenn Sie zwischen zwei Systemen wählen, prüfen Sie nicht, wie viele Wörter enthalten sind, sondern wie das Kernvokabular angeordnet ist und ob diese Anordnung stabil bleibt.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Warum wirkt eine Kernvokabular-Tafel am Anfang so unattraktiv?
Weil sie aus abstrakten Wörtern besteht, die sich schlecht abbilden lassen und deren Nutzen nicht sofort sichtbar ist. Eine Tafel mit Ball, Auto und Apfel wirkt anschaulicher - erlaubt aber nur das Benennen. Der Vorteil des Kernvokabulars zeigt sich erst, wenn jemand anfängt, Situationen zu steuern statt Dinge zu benennen.
Sollen Nomen ganz weggelassen werden?
Nein, aber sie gehören an einen anderen Platz. Kernvokabular bekommt den festen, immer gleichen Bereich, Nomen den wechselnden Randbereich - nach Situation, Thema oder Interesse austauschbar. Ein Kind, das gerade Bagger liebt, braucht das Wort Bagger.
Gibt es fertige Kernvokabular-Listen für das Deutsche?
Ja. Es liegen Häufigkeitsauswertungen für die deutsche Kindersprache und für den Erwachsenenwortschatz vor, und mehrere Kommunikationssysteme bringen darauf aufbauende Oberflächen mit. Eine Beratungsstelle kann sagen, welche für die konkrete Person passt.

Zuletzt überarbeitet am 14. August 2026.